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Kritik „16 Uhr 50 ab Paddington“ Schwäbisches Tagblatt

Humor ist weiblich

Agatha Christie in der Hammerschmiede

„16 Uhr 50 ab Paddington“ spielte das duo mirabelle am Samstagabend im Theater Hammerschmiede. Für gut 60 Zuschauer/innen wurde es ein vergnüglicher Abend.

Rottenburg. Eine alte Dame beobachtet aus einem fahrenden Zug einen Mord. Weil keine Leiche gefunden wird, glaubt ihr die Polizei nicht. Die Freundin der alten Dame, Miss Marple, und ihre Hausangestellte Lucy nehmen die Ermittlungen auf. Das Stück ist eine großartige Situationskomödie, in der die Grenzen zwischen Lesung, Pantomime, Comedy und klassischem Theater verschwimmen. Isabelle Guidi und Mirjam Orlowsky sind das duo mirabelle. Sie schlüpfen im Verlauf des abendfüllenden Stückes in mehr als ein Dutzend Rollen, die anhand von Gegenständen, Kleidungsstücken und Gesten zu unterscheiden sind. So nickt Miss Marple ständig, ihre Freundin trippelt mit zusammengekniffenen Beinen und abgespreizter Hand, während der Inspektor einen Colombo-Mantel trägt.

Die Rollen sind sorgfältig herausgearbeitet und souverän gespielt. Vor allem zum Ende des Stückes hin, wechseln die Miminnen ihre Rollen so schnell, dass ihnen die Lacher des Publikums gewiss sind. Die Krimihandlung und die Frage, wer der Mörder ist, werden dabei zur Nebensache.

Bei Grimassenspiel und Slapstickeinlagen, beim Schielen und Lispeln beweisen die Komödiantinnen Mut zur Albernheit und Hässlichkeit. Sie liefern eine Hommage an legendäre Komikerduos wie Stand Laurel und Oliver Hardy ab. Ihr Humor ist dennoch weiblich, vielleicht sogar feministisch, und spielt mit traditionellen Klischees, etwa wenn der lüsterne Greis der Hausangestellten Lucy ein unmoralisches Angebot macht. Von zwei Frauen gespielt und satirisch überzeichnet, wird die Szene zur Groteske.

Das kommt bei den über 60 Zuschauern im Publikum an. Gut gefiel auch die Synchronität, mit der das Duo zwei neugierige Lausbuben spielt, die dem Inspektor, lediglich dargestellt von Mantel und Hut, von ihrer Entdeckung berichten. Interessant auch, was alles aus einem Tisch werden kann: Zugabteil, Taxi oder der Deckel eines Sarkophags. Puristisch sind auch alle anderen Requisiten. Da werden etwa Papierkügelchen zu Gebäck geformt und aus gemalten Kannen Tee serviert. Das Theater reduziert auf das Wesentliche – zeitlos und gerade deshalb zeitgemäß.